Pharmakogenetik
Ausgangslage
Krankheiten werden üblicherweise nach ihren klinischen und/oder laborchemischen
Störungen bzw. nach den Befindlichkeitsstörungen unterteilt (Phänotypen).
Dies führt aber nicht selten zu einer falschen Entscheidung bei der Therapie,
da ähnliche Symptome (z.B. Kopfschmerzen oder Bluthochdruck) völlig unterschiedliche Ursachen haben können.
Mithilfe der Genetik wird die Medizin in Zukunft eine exaktere
Unterscheidung von Erkrankungen mit unterschiedlichen Ursachen treffen können
und damit die Voraussetzungen für eine gezieltere und wirksamere Behandlung schaffen.
Die vor kurzem abgeschlossene, weitgehend vollständige Entschlüsselung des humanen Genoms
hat in jüngster Zeit zu bedeutenden Fortschritten in der genetischen Forschung geführt.
Es ist zu erwarten, dass die Fortschritte in der so genannten Pharmakogenomik es eines
Tages erlauben werden, durch die Entschlüsselung von heute noch nicht bekannten molekularen
Mechanismen Medikamente für derzeit nicht oder unzureichend behandelbare Erkrankungen zu
entwickeln. Daneben werden von der so genannten Pharmakogenetik zukünftig wesentliche
Fortschritte erwartet.
Durch die Übertragung der Erkenntnisse der Genomforschung auf die
Wirkung von Arzneimitteln wird eine verbesserte Behandlung des einzelnen Patienten durch
Steigerung der Wirksamkeit und/oder Verminderung der Nebenwirkungen ermöglicht. Darunter
fallen für die Arzneimittelwirkung wichtige Reaktionen wie der genetisch (erblich)
festgelegte Stoffwechsel, die Verfügbarkeit des Wirkstoffs im Körper, seine Wechselwirkung
mit den körpereigenen Zielsubstanzen am Angriffsort der Therapie und die genetisch bedingte
Veranlagung für das Auftreten von Nebenwirkungen.
Ziel ist es, "das richtige Arzneimittel für den richtigen Patienten" zu entwickeln.
Ziele der pharmakogenetischen Forschung
Wenn man versteht, welche genetischen Faktoren (Erbanlagen) für die Unterschiede in der Wirkung eines Arzneimittels verantwortlich sind, wird man viel besser bereits vor Verabreichung einer Arznei die Frage beantworten können, in welchem Maße und bei welcher Dosis ein Patient auf ein Medikament ansprechen wird und/oder ob bestimmte Nebenwirkungen auftreten werden oder nicht. Voraussetzung ist ein pharmakogenetischer Test, mit dessen Hilfe derartige Voraussagen getroffen werden können. Die Vorteile eines solchen Vorgehens gegenüber dem bisher üblichen ungezielten Ansatz liegen auf der Hand.
Allerdings ist der unmittelbare Nutzen für den einzelnen Patienten zumindest im Frühstadium dieser Forschung meist gering, da sich zunächst aus den pharmakogenetischen Untersuchungen nur Hinweise auf mögliche Zusammenhänge von bestimmten genetischen Faktoren und der individuellen Reaktion eines Patienten auf die Verabreichung eines Medikamentes ergeben. Alle wissenschaftlichen Hypothesen müssen danach in weiteren klinischen Prüfungen mit größeren Patientenzahlen anhand der genetischen Ergebnisse und der klinischen Befunde überprüft werden, bevor sichere Aussagen möglich sind. Die pharmazeutische Industrie hält dabei international und in Deutschland anerkannte hohe rechtliche und ethische Maßstäbe an. Gleiches gilt für den Datenschutz zur Wahrung der Privatsphäre der Patienten und zum Schutz der Befunde vor einem Zugriff durch Dritte.
Vorteile für Patienten
Arzneimittel werden üblicherweise nur dann zugelassen, wenn diese bei einer Mehrzahl von Patienten eine positive Nutzen-Risiko-Abwägung aufweisen. Unter denjenigen, die das Arzneimittel erhalten, gibt es aber auch Patienten, bei denen ein Medikament keine Wirkung zeigt oder verstärkt Nebenwirkungen oder Unverträglichkeiten hervorruft. Ein Grund für diese Unterschiede können genetische Variationen oder bestimmte Kombinationen eines oder mehrerer Gene (oder auch Allele) sein. Kennt ein Arzt beispielsweise das genetische Muster, das für das Auftreten einer schweren Nebenwirkung wie Blutbildstörungen bei Verabreichung eines bestimmten Medikamentes verantwortlich zu machen ist, so kann er nach entsprechender Testung des Patienten diesem von vornherein
- sofern verfügbar - ein anderes Arzneimittel verschreiben, das diese Nebenwirkung nicht hat.
Ein weiteres Beispiel ist die genetische Testung, ob ein bestimmtes Arzneimittel bei einem Patienten wirkt. Dadurch erhält der Patient von Anfang an die für ihn richtige Arznei, anstatt durch langwieriges probieren verschiedener Arzneimittel unnötig Zeit zu verlieren. Diese optimierte Therapie könnte dazu beitragen, die Zufriedenheit des Patienten sowie dessen Einnahmezuverlässigkeit zu erhöhen und die Kosten der medizinischen Behandlung zu verringern. Schließlich ergeben sich aus den gewonnenen Erkenntnissen längerfristig Ansätze zur Entwicklung von neuen und besseren Arzneimitteln.
Erläuterungen
Die Pharmakogenetik befasst sich konkret mit der Frage, wieso Menschen unterschiedlich auf ein Arzneimittel reagieren, sei es im Hinblick auf die Wirksamkeit oder auf Nebenwirkungen. Die Pharmakogenetik soll die Antwort liefern, welche genetischen Faktoren für die beobachteten Unterschiede verantwortlich sind, und welche Bedeutung die genetischen Befunde für die Vorhersage des Therapieerfolges haben. Dabei kann es sich um vererbbare oder individuell durch Mutation erworbene Merkmale handeln.
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